Akzeptanz statt Toleranz

by slowpoke

Wir kennen die Situation vermutlich alle. Irgendwer faselt rechtes oder sonstwie problematisches Zeug, ihr weisst darauf hin, und schon geht es los:

“Etwas mehr Toleranz bitte!”

Ja, wie konntet ihr es nur wagen, rechtes Gedankengut als solches zu bezeichnen. Wollt ihr die Person etwa ausgrenzen? Ihr seid die wahren Bösen und sowieso schlimmer als Hitler. Der hat wenigstens Autobahnen gebaut!

Machen wir es kurz: ich halte nichts von Toleranz. Es ist ein kaputtes Konzept. Toleranz fordern meistens diejenigen, die gesellschaftlich keine Ausgrenzung zu befürchten haben, weil sie irgendwelchen strukturell enforcierten Normvorstellungen entsprechen – zB weiss, heterosexuell, cisgender, neurotypisch, ablebodied, christlich und/oder männlich – und von diesem gesellschaftlichen Status Quo durch die daraus resultierenden Privilegien profitieren.

Toleranz impliziert ein Konzept von “Normalität”, und das Abweichungen davon – zB eine nicht-heterosexuelle Orientierung – schlecht sind, aber “toleriert” werden müssen – oder mit anderen Worten, dass die Existenz von Menschen, die nicht dieser “Norm” entsprechen, ein Problem darstellen, und es eigentlich viel einfacher für die “normalen” Menschen wäre, wenn “andere” Menschen nicht existieren würden. Eine gleichberechtigte Existenz wird somit ausgeschlossen, es wird den von der “Norm” abweichenden Menschen gerade mal so ein Recht auf Existenz eingeräumt – aber bitte sonst nicht stören!

Wenn marginalisierte Menschen – also solche, die in irgendeiner Form nicht diesen gesellschaftlichen Normvorstellungen entsprechen – tatsächliche soziale Gleichberechtigung und Gerechtigkeit fordern, dann hört es mit der Toleranz der Toleranten ganz schnell auf. Dann schreien sie plötzlich von der bösen “Political Correctness”, vom “Genderwahn”, von den “linksgrünen Gutmenschen”, von der “virulenten Homolobby”, der “zionistischen Weltverschwörung”, oder beliebigen anderen Feindbildern. Da sehen wir auch schon das zweite grosse Problem an diesem Konzept: Toleranz geht immer nur in eine Richtung – die der ohnehin schon Privilegierten.

Viele von uns, die für tatsächliche Gleichberechtigung und soziale Gerechtigkeit einstehen und kämpfen, wollen keine Toleranz. Wir wollen Akzeptanz  – das radikale Konzept, dass es keine “normalen” Menschen gibt, sondern dass alle Menschen divers und vielfältig sind, und wir uns deshalb gegenseitig als das akzeptieren sollten, was wir sind. Akzeptanz bedeutet die totale Ablehnung gesellschaftlicher Normvorstellungen, die absolute Verneinung der Normativität, die unbarmherzige Kampfansage gegen die verkrusteten Strukturen in unseren Köpfen, die kompromisslose Bekenntnis zur gleichberechtigten Menschlichkeit und somit zur menschlichen Gleichberechtigung.

Die wichtige Betonung liegt hierbei auf “gegenseitig” – Akzeptanz ist ein fundamental reziprokes Konzept, und kann nur funktionieren, wenn alle Beteiligten gleichermassen teilnehmen, und dabei kritisch mit den eigenen Privilegien umgehen. Nur so können diese Privilegien sowie die gesellschaftlichen Strukturen und Normvorstellungen, die sie erzeugen und erhalten, graduell abgebaut werden. Ideologien und Weltbilder, die diesem grundlegenden Wertekonsens zugegen laufen, können das nicht, und Menschen, die diese vertreten, müssen deswegen weder akzeptiert noch toleriert werden.

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